Nackt ist die neue Zierde.


 Ja, das war einmal so. Preisgeben, aber bitte mit Kürzel. Was ich meine? Das, womit "mein" Bloggen begann. Als wirkliches Tagebuch, als ein echter stream of consciousness, als schön geschmückter Kotzeimer für alles, was mich bewegte. Wo ich schrieb, was ich erlebte und nur sprach von "D." oder "A." oder Codeworte wie "Mr. Vinyl" benutzte. Das ist für mich die gute alte Zeit, als ich online, wenn auch nur bestimmten Leuten zugänglich, mein Herz ausschüttete und festhielt, worüber das Leben mich stolpern ließ.

Langsam kriecht mir wieder Wärme in die Glieder, mein Kopf ist Bühne für das Jetzt und nicht das was war und was noch alles sein könnte. Ich lächele. Die Leute um mich herum reden und und lachen und kichern, jemand ziept an meinem Haar und küsst mich dann schnell, Musik, Bier in meiner Hand und meine Füße stecken nackt in Slip-Ons.
Ich möchte sagen, wie überschwänglich ich das alles liebe, jede Kleinigkeit davon, jede Unperfektion daran (ein Indie-Nerd-Typ glotzt mich unentwegt an, in meinem liebsten Electro-Indie-Schuppen läuft gerade ein furchtbarer 90er-Hit, das Bier kostet 3,50 € und ich verlor die Pfandmarke)... Ich sage nichts, ich bleibe cool.

Vor fünf oder sechs Jahren begann das Bloggen auf Livejournal. Eine schöne Zeit. Ich war komplett echt. Nicht, dass ich es hier nicht wäre - ich halte mich nur öfter zurück, als ich will. Das versuche ich mit dem neuen Konzept von irgendschoen abzulegen, es ist ein Versuch, auf alles zu scheißen. Wenn ich mir jedoch alte Einträge meiner alten Livejournals durchlese, bin ich noch so weit entfernt von "so nackt und abgefuckt wie damals". Bin wohl doch älter geworden. Im Kopf. Verdammt. Das Destillieren und Vergessen erfolgt wohl zu schnell, zu unbewusst. Das Herauszerren, das Umwandeln in Kunst - Text, Bild, Zeichnung - ist mir ein bisschen entglitten. Und ich vermisse es schmerzlich.

Gras an diesem Sonntagnachmittag, in der Wahrnehmung vor allem kühl, denn das Grün sehe ich gerade nicht mit geschlossenen Augen, geschlossen wegen der Sonne, die mich zum gefühlten letzten Male blenden will. In meinen Ohren ist Tiger Lou und in meinem Kopf nichts. Für Sekunden rekapituliere ich die gestrige Schrägstrich heutige Nacht: zuviel Bier, zuviel Zigaretten, zuviel geredet. Dann wieder Stille. Und als ob diese Stille ein Ring wäre, an dem die vergangene Nacht hängt wie ein Schlüssel, beginne ich wieder, mich zu erinnern.

Unterwegs mit dem besten Freund des Freundes, gute Idee, schlechte Idee. Weil wir uns ähnlich sind und weil wir ihn kennen, den gemeinsamen Freund, mit dem es Streit gab. Weil ich hinaus muss, Orte, Menschen und Gespräche entdecken, ich muss fotografieren und auch berühren, merken, hassen und lieben und alles dazwischen.
Nichts ist passiert. Stubenhocken. Versauern. Um mir nicht vorwerfen zu können, Streitigkeiten zu beginnen, schweige ich manches aus. Was bisweilen provoziert, dass es unpassend und zu heftig heraubricht. So wie geschehen, weil nichts passierte und ich schwieg.
Und nun die gute, die schlechte Idee. Mit D. darüber reden. Der mich direkt versteht, der ergänzt und argumentiert - das Gros meiner Antworten ist Oh ja, genau das! Genau so! Aber so ist das ja nun mal.

Und D. regt sich auf. Sagt, wie wahnsinnig gern er mich habe, dass ich eine tolle Frau sei und immer noch alles vor mir hätte. Ich also deswegen nicht resignieren sollte.

Ich schweige viele, viele Minuten, höre, was er sagt, möchte schreien, er soll aufhören, in meinem Kopf beginne ich zu weinen, aber die echten Tränen lasse ich nicht zu, eine Band um mich herum, alles nur Jungs, ich habe keine Lust auf Mädchendrama. Mein Kopf schmerzt. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie der Kater am Sonntagmorgen sein wird, aber da wird es vom Alkohol sein. Hier ist es eine Narbe, die wieder bluten will, aber das kann ich nicht ertragen, und lenke ab, rede über Musik, das läuft.

Ich lasse mich von D. abfüllen an diesem Abend, weil ich eigentlich viel vertrage und kein Geld mehr habe. Ich habe nicht darum gebeten, aber es ist wohl so unausgesprochen wie überdeutlich, dass es nötig ist. Und dann, äußerst überraschend, hänge ich auf der Toilette eines muffigen Münsteraner Pubs und kotze mir die Seele aus dem Leib. Die erhoffte Erleichterung dadurch bleibt aus.
Als ich wieder zum Tisch komme, schlafe ich fast augenblicklich ein vor Erschöpfung, meinen Kopf auf seiner Schulter. Er legt seinen Arm um mich, erst um die Schultern, ich wache zwischendurch wieder auf, seinen Arm auf meiner Hüfte. Und dann tue ich schlafend, als er seine Hand zurückzieht, in meinem Nacken hängen bleibt, ihn streichelt, fast schüchtern. Ich nehme mir ein intensives Gefühl vor für diesen Augenblick, es soll Abscheu sein, Empörung, das ist es aber nicht. Es ist aber auch nichts anderes als - Nichts. Alles auf Aus. Muss auf Aus.

Er bringt mich nach Hause, ich lalle Zeug. "Ich habs doch versprochen", sagt er, wahrscheinlich habe ich mich entschuldigt, immer wieder, für meinen Zustand. "Du wolltest mich abfüllen", sage ich lachend zum Abschied. "Da reden wir später drüber", murmelt er in mein Haar.


Ein Hand unter meinem T-Shirt, auf meinem Bauch an diesem Sonntagnachmittag. "Alles klar bei dir?", fragt mein Freund und blickt so furchtbar ernst. Ich greife an seinen Dreitagebart, der kratzt an meinem Daumen, dabei schaue ich ihn an und lächle dann. "Schon."
Stock: photoree.com

Kommentare:

  1. du solltest wieder öfters schreiben! ja. denn weißt du was... es liest sich sehr gut, ein stück buch. :) und nein ich bin nicht anderer-leben-geil, oder doch? hm.

    ahoi kapitänin

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    1. danke sehr :) ja, es war nicht dieses typische "heute war ich eis essen, dann hab ich einen film geguckt"-schreiben. geschrieben habe ich nur dann, wenn mich eine bestimmte sache besonders bewegte.

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  2. Richtig angenehm und schön zu lesen!
    Dein Schreibstil ist überragend. Wenn das Nacktheit ist, wünsche ich mir davon ein bisschen mehr in deinem Blog.

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  3. wow Liselotte hat recht. Es liest sich unglaublich toll.
    Ich mag deinen Stil total, fände ich toll wenn wir wieder mehr zu lesen bekommen würden, muss ja nicht gerade aus deinem 'Tagebuch' sein. (:


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    1. Danke schön :) Ich hatte eine Art Kurzgeschichten-Reihe geplant, aber es ist schwierig, neben dem Studium die Muße dafür zu finde. Hoffe, das klappt endlich bald trotzdem :)

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  4. Hey, danke für deinen Kommentar vor ewigen Zeiten! (Letzte Woche^^). Deine Strategie zum Anhalten von Gedankenspiralen klingt sinnvoll, das mit dem "weniger von anderen erwarten" und "gleich viel von sich selbst"...nur fürchte ich, dass das bei mir eh schon so ist. Hab immer das Gefühl, ich bin Schuld, wenn was schief läuft. Bekloppt. Aber naja: Erkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung :)
    Dein Text hier ist der Wahnsinn. Ehrlich, sehr toll. Ich kenne das auch, dass man sich plötzlich mehr zurücknimmt beim Schreiben und dann mit dem Ergebnis nicht mehr ganz zufrieden ist...vielleicht sollte man das Hirn beim Schreiben manchmal einfach ausknipsen?
    Liebe Grüße, ich freu mich drauf mehr von dir zu lesen! :)

    Lucie

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    1. Das stimmt, Erkenntnis ist schon mal eine gute Sache. Natürlich ist man deswegen direkt davon weg, das dauert eben.

      Danke, es freut mich, dass sie dir gefallen :) Die Texte sind schon älter (so 3-4 Jahre), aber ich mag sie tatsächlich auch. Diese Akzeptanz meiner eigenen Werke habe ich ein bisschen verloren. Oder versteckt.
      Ich hoffe auch, dass hier mehr davon zu lesen sein wird :)

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  5. wunderbar. Ich habe nicht wie bei anderen Texten einfach weggeklickt, ich habe wirklich alles gelesen. Und es hat mich sehr bewegt, du solltest Autorin werden! ♥ :)

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    1. Danke sehr, das ist ein wundervolles Kompliment ♥ Autorin zu werden ist tatsächlich ein Traum, aber ich habe ihn teilweise eingestampft zugunsten der Wirtschaftlichkeit... :'(

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  6. * was ich vergessen habe: ich wollte auch einfach meine Gefühle schreiben, ganz ohne wenn und aber, aber dann habe ich herausgekriegt, dass meine Familie meinen Blog durch meine Brüder herausgefunden hat und diesen dann regelmäßig liest... einfach... unglaublich scheiße.-.-

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    1. Hm ja, kenne ich :( Mein Ex-Freund hat mir hinterherspioniert und sich in mein Livejournal damals eingehackt. Dort las er auch den zweiten längeren Eintrag oben in kursiv und warf mir vor, ich wäre mit seinem besten Freund fremd gegangen. Seitdem konnte ich nicht mehr so bloggen wie vorher. Es war wie... kaputt.

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  7. Hach,du gefällst mir immer mehr.Und weiß was du meinst.Ich glaube es zu wissen.Ich hab früher auch so geschrieben.Irgendwie schwermütig,melancholisch..und wie du schön sagst-abgefuckt!Aber ich habs nicht veröffentlicht.Und nun,da ich Mutter bin habe ich mich entschieden über die schönen Gefühle,die Liebe,das Leben zu schreiben.Trotzdem habe ich Sehnsucht nach der anderen Seite.Doch würde ich sie zum Vorschein kommen lassen,wäre der ein oder andere sehr irritiert und ich weiß nicht ob ich meiner Rolle dann gerecht werde.

    Danke für die Inspiration.

    Ich werde bleiben.Es ist fabelhaft hier.

    Herzlich,Mia

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    1. Das kann ich nachvollziehen. Ich habe damit besonders Probleme, wenn ich in einer glücklichen Beziehung bin. Kann ja nicht einfach stundenweise abhauen, um ganz zu versinken in diesem Gefühl, das ich vermisse. Habe mir aber vorgenommen, das einfach zu tun, wenn ich es brauche. Auch wenn mir bewusst ist, dass das später immer schwieriger wird - ja, zum Beispiel mit Kind, Familie... Mal sehen. Es wird schon alles gut.

      Und dankedankedanke für deine lieben Kommentare, ich bin so gerührt... hach :) <3

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  8. Ja verdammt,in ner glücklichen Beziehung bin ich auch noch.Manchmal ist das etwas miste.Wohin mit all der Melancholie?

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